24. März: Jaipur – Delhi

Um vier Uhr nachmittags holt uns der Fahrer ab. Unser Flug von Delhi nach Zürich geht nachts um zwei, und von Jaipur nach Delhi sind es eigentlich nur 260km, aber die Strecke erfordere eine gewisse Zeitreserve, sagt man uns.

Und wie sie das erfordert! Die Strasse ist ein einziger Lastwagenkonvoi; Stossstange an Stossstange fahren sie mit etwa 40 km/h, zu zweit oder auch zu dritt nebeneinander. Unser Fahrer muss in einem früheren Leben Slalomrennfahrer gewesen sein. Er überholt mal links, mal rechts, drängelt, findet die Lücke, drängt da einen Wagen ab, während er einen Fussgänger oder eine Kuh weghupt. Das ist kein Verkehr mit Regeln, das ist ein kollektives Durchwursteln und Durchkämpfen.

Licht? Schon, aber nur vorne und erst, wenn es ganz dunkel ist. Dann aber volles Licht, die Scheinwerfer sind permanent an.

Je näher wir Delhi kommen, desto öfter stockt der Fluss, und mehrmals kommt er ganz zum Stillstand. Erst etwa 20km vor Delhi wird die Strasse zu einer Art Autobahn. Nachts um zehn erreichen wir den Flughafen. Der Fahrer ist zufrieden: So flüssig sei es schon lange nicht mehr gelaufen.

Wir blicken zurück. Die ersten Tage waren wir recht schockiert. Wir hatten gewusst, dass es viel Armut gibt in Indien. Trotzdem hat uns die Realität aufgewühlt: Die Bettler, die Krüppel, die Kühe und Hunde, die im Abfall wühlen, die Familien, welche in Zelten aus ein paar Ästen, Säcken und Tüchern hausen. Aber mit der Zeit haben wir uns an den Anblick gewöhnt, sind wir etwas abgestumpft. Das muss man, denn man kann nicht zwei Wochen lang herumreisen, nur betroffen sein und ein westlich- schlechtes Gewissen haben. Und das darf man, denn es sind nicht zuletzt der Tourismus und die Globalisierung, welche Indien rasch wachsen lassen und zunehmenden Wohlstand bringen.

Was bleibt? Zum einen der Eindruck, dass Indien, oder der kleine Teil davon, den wir gesehen haben, ein extrem vielfältiges, multikulturelles und tolerantes Land ist, ein chaotisches Land mit überfüllten Tuktuks und gefährlich alten Lastwagen, ein kultiviertes Land mit hervorragender Küche, höflichen Umgangsformen und einer immer leise spürbaren Fröhlichkeit. Zum andern die Ergriffenheit beim Anblick des Taj Mahal, von Fatehpur Sikri, des Amber Fort. Und zum Dritten die totale Entspannung in der Luxusoase des Oberoi Rajvilas in Jaipur.

Nach den positiven Erfahrungen mit Vietnam haben wir die meisten Hotels, den Fahrer und die Guides über Erlebe-Fernreisen gebucht. Die Firma arbeitet lokal mit zuverlässigen Partnern zusammen und geht auf Sonderwünsche ein.

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21. März: Jaipur

Mit einem Guide besichtigen wir das grossartige Amber Fort, sehen unterwegs den Jal Mahal Wasserpalast, besuchen das Jantar Mantar Observatorium und fahren durch die Innenstadt, die Pink City (welche übrigens nicht rosa, sondern orange-braun ist).

Jaipur ist von allen Städten, die wir nun gesehen haben, die schönste und farbigste, auch die zugänglichste. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns nun schon an Indien gewöhnt haben und den einen Bettler hier, den anderen dreckigen Hinterhof da einfach ausblenden. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass Jaipur sich voll auf Tourismus als Haupteinnahmequelle einstellt und sich deshalb auch von seiner besten, sprich historischen Seite zeigen will.

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20. März: Mandawa – Jaipur

Es ist der zweite Tag des Holi-Festes, und das macht Yuvi, unseren Fahrer, nervös: Es ist ein Feiertag, die Menschen betrinken sich, bewerfen einander mit Farbe und blockieren feiernd die Strassen. Er macht sich Sorgen um uns und um sein Auto, und deshalb brechen wir schon morgens um halb sechs in Mandawa auf.

Wir brettern im Dunkeln über die schlechten Strassen (die wenigen entgegenkommenden Fahrzeuge blenden übrigens ihre Scheinwerfer nicht ab). Auf halber Strecke wird es hell. In den Dörfern sind alle Läden und Werkstätten geschlossen, und so schaue ich mir statt Menschen eben die Werbung an (selten Plakate, häufiger Wandmalereien) und merke mir die vielen Zementmarken: ACC, Ambuja, Aravali, Bangur, BCC, JK Lakshmi, JK Super, Rockstrong, Ultratech. Bei uns würde niemand im öffentlichen Raum für Zement werben, hier aber ist Zement ein Alltagsgut.

Wir erreichen Jaipur und unser Hotel, das Oberoi Rajvilas, schon kurz nach acht. Wir erleben, was Bea einen “Kulturschock rückwärts” nennt: Luxus pur. Dass wir viel zu früh ankommen, ist kein Problem, man wird uns rasch ein Zelt bereitmachen, wir sollen doch schon mal frühstücken. Dort bietet man uns an, den Teller vom Buffet zu Tisch zu tragen. Wir sind mit grossen Erwartungen ins Oberoi gekommen, aber was wir antreffen, übertrifft sie bei weitem. Wir verbringen den Tag in unserem Zelt und am Pool.

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19. März: Mandawa

Ich beginne den Tag kurz nach Sonnenaufgang mit einem kurzen Lauf auf der Strasse. Ein seltsames Gefühl, laufend einen Kamelwagen zu überholen!

Nach dem Frühstück unternehmen wir einen kurzen Kamelritt in der Umgebung des Resorts. Der Kamelführer führt uns über abgegraste Weiden, Sand und durch einen Weiler mit Bauernhöfen. Da wir recht hoch oben sitzen, haben wir eine sehr gute Sicht in die ummauerten Höfe hinein. Innerhalb der Mauern, im Privaten, ist es aufgeräumt; ausserhalb, im Öffentlichen, liegt der Dreck.

Gegen Mittag fahren wir ins Dorf und schauen uns einige der Havelis genauer an. Die Innenhöfe sind oft etwas besser erhalten als die Aussenfassaden. Bei einigen könnte man auch einige Räume ansehen – wir verzichten darauf, da die Verhandlungen um den Eintrittspreis nicht sehr freundlich verlaufen. Nach einem kurzen Mittagessen im Monica, einem einfachen Restaurant im Zentrum von Mandawa, verbringen wir den Nachmittag am Pool.

Gegen Abend fahren wir wieder ins Dorf: Es ist die Nacht vor dem Vollmond, und damit der Beginn des Holi-Festes. Im Zentrum des Dorfs wird ein vertrockneter Baum verbrannt, um den Winter zu vertreiben. (Die Jahreszeiten sind etwas seltsam hier: Der Winter ist trocken, im Frühling wird es heiss, und dann verlieren die Bäume die Blätter. Im Sommer und Herbst kommt der Monsun, und dann grünt alles). Wir essen recht gediegen im Castle Restaurant.

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18. März: Jaipur – Mandawa

Wir erreichen Mandawa nach etwa 4 Stunden ruhiger Fahrt durch eine zunehmend dünner besiedelte Gegend. Erst kurz vor Mandawa wird der Boden deutlich sandig, wird das Gelände dünig, und wir merken, dass wir den Rand der Shekhawati-Wüste erreicht haben. Wir beziehen Quartier im Mandawa Desert Resort, einer Lodge etwas ausserhalb des Dorfes. Die Lodge mit ihren geräumigen Lehmhäusern und dem Pool passt uns gut. Das Personal dürfte etwas freundlicher und zuverlässiger sein. Das Essen am Mittagsbuffet ist wohl an die grossen Reisegruppen angepasst und (trotz recht hohem Preis) eher langweilig; die Auswahl am Abend ist grösser und besser.

Am späteren Nachmittag unternehmen wir einen ersten kurzen Ausflug ins Dorf. Mandawa ist einer der wenigen Orte mit einem richtigen Dorfkern, der (für indische Verhältnisse) fast verkehrsfrei ist. Natürlich sind da Motorräder, Kühe, Jeeps und Tuktuks, aber man kann mitten auf der Strasse gehen und wird nicht innert Sekunden weggehupt. Wir schauen uns einige der Havelis, für die Mandawa berühmt ist, an. Es sind grosse Wohnhäuser reicher Familien, gebaut vor vielleicht hundert Jahren, reich verziert mit Stukkaturen und Wandmalereien. Die meisten Havelis sind in einem sehr schlechten Zustand. Das oberste der meist drei Geschossen ist bei fast allen am Zerfallen, viele Malereien sind verblasst. Es macht den Eindruck, das Dorf sei vor hundert Jahren viel wohlhabender gewesen als heute.

Der Spaziergang durch das Dorf erlaubt uns auch einige Einblicke in das Alltagsleben. Wir sehen Männer an Nähmaschinen. Wir sehen den Coiffeur, der die Haare seines Kunden noch kunstvoll mit dem Rasiermesser schneidet. Wir sehen grosse Waagen mit Gewichten. Wir sehen öffentliche Wassertankstellen, Gemüsehändler und Schuhmacher. Natürlich wird man auch hier von Händlern und Möchtegern-Guides “belästigt”, aber die meist jungen Männer lassen schneller von uns ab als die Händler und Guides in den Grossstädten.

Galerie: Mandawa

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17. März: Ranthambhore – Jaipur

Nach einem kurzen Frühstück treffen wir unseren Fahrer mit einem lokalen Guide. Er ist ein Einheimischer, Biologe, arbeitet im Nationalpark und macht nebenher Führungen durch das Ranthambhore Fort. Wir fahren die holprige Strasse vom Sherpur Gate in den Park hinein und hinauf zum Fort. Es liegt auf einem Hügel mit schönem Weitblick über den Nationalpark. Drei Dinge fallen sofort auf. Erstens, keine aufdringlichen Souvenirhändler. Zweitens, kein Eintritt. Und drittens, Kritzeleien und Abfall überall. Das Ranthambhore Fort, so alt und archäologisch wertvoll es ist, wird kaum bewacht und gepflegt. Touristen sehen wir keine. Viele Einheimische und Pilger besuchen das Fort, um in einem der 52 Tempel (oft nur gerade eine Ganesh-Figur an einer Wand) zu beten; sie nehmen ihr Essen mit und kochen auch gleich vor und neben den Tempeln.

Und wo es Essen hat, hat es Essensreste, und damit auch Tiere, die sich davon ernähren. Bei einigen Tempeln wimmelt es von Lemuren; sie schnuppern an den Menschen, ob diese Essbares dabei haben, und gehen auch nicht weg, wenn man Lärm macht oder sie wegscheucht. Und sie stinken. Schon seltsam: Gestern, auf den Game Drives, haben wir die kühnsten Verrenkungen gemacht, um die Lemuren vor die Kamera zu bekommen. Und heute sehen sie wir zu Dutzenden, und sie sind nur noch lästig.

Unser Führer, selbst ein Moslem, weist uns überall auf die reiche Vermischung der Kulturen hin. Hier ein Stück Hindu-Architektur, dort ursprüngliche Rajasthan-Bauweise, da ein Eingriff der islamischen Moguln. Die Vermischung findet man auch in der Religion: Hindische Gläubige gehen in Moslem-Manier um den Tempel herum, einige Moscheen werden auch von Hindis benutzt. Auch in Indien gab und gibt es gewaltsame Konflikte zwischen Religionsgruppen, oft zwischen Moslem und Hindis, aber im kleinen Ausschnitt, den wir bisher gesehen haben, leben die Gruppen recht tolerant zusammen. Gegen 90% der Rajasthani sind Hindis, und trotzdem hört man in jedem Dorf morgens um halb sechs den Ruf des Muezzin. Das dürfte auch daran liegen, dass der Hinduismus selbst eine praktische Jekami-Religion ist; es gibt genügend Götter (mehrer Millionen), damit sich jeder einen zu ihm Passenden aussuchen kann.

Am späteren Morgen reisen wir weiter nach Jaipur. Nach einer beschaulichen Fahrt treffen wir In Tonk auf die Transitstrasse, die von Jaipur nach Kota führt. Ein Lastwagen nach dem andern! Die Tata Trucks sind bunt bemalt und mit Wimpeln und Bänder verziert, und man sieht, dass viele Fahrer stolz sind auf ihren Truck. Viele sind aber auch gewaltig überladen, und auf der Strasse verkehren zudem auch Kamelwagen, Fahrräder, Kühe, Ziegen und Traktoren. Unser Fahrer ist beileibe kein Raser (und der kleine untermotorisierte Suzuki würde das auch nicht zulassen), aber wenn die Lastwagen mit 20 km/h fahren, dann wird überholt. Dauernd. Eng. Riskant. Wir verstehen, warum viele indische Autofahrer die Rückspiegel eingeklappt haben.

Wir sind froh, als wir nach mehr als drei Stunden gesund im Hotel Madhuban in Jaipur ankommen. Das Hotel hat eine hübsche Lobby, einen hübschen Garten, einen hübschen Pool, aber die Zimmer sind recht unterschiedlich. Unser erstes Zimmer (21) ist eine dunkle schäbige Kammer; das zweite Zimmer (25) ist etwas heller und etwas grösser. Aber auch hier liegt die Matratze nicht auf einem Rost, sondern auf einem Brett, und entsprechend gerädert fühlt man sich nach dem Schlaf.

Wir nehmen ein Tuktuk (der Fahrtwind verschafft etwas Abkühlung!) zum Hotel Pearl Palace. Dessen Dachrestaurant, das Peacock, ist ein Lonely Planet Tipp – und die kurze Fahrt lohnt sich. Eine schöne Sicht über die Stadt, eine gemütliche Einrichtung, gutes und preisgünstiges indisches Essen, und das (in meinen Augen) typische Lonely Planet-Publikum: Jung und europäisch; früher hätte man von “Trampern” gesprochen. Für die vier Hauptspeisen und die Getränke (Wein gibt es hier nicht) bezahlen wir 1100 Rupien (22 Franken).

Wie in den meisten Hotels gibt es auch im Hotel Madhuban ein WLAN. Man kann für üblicherweise 60 Rupien (CHF 1.20) leidlich gut im Internet surfen (die iPhones kommen mit den WLANs nicht gut zurecht, finden es oft nicht mehr, oder zeigen es zwar an, verbinden aber nicht). Texte und Bilder hochzuladen ist jedoch wirklich mühsam. Uploads, die mehr als ein paar Kilobytes umfassen, brechen nach mehreren Minuten einfach ab. Es scheint, dass die Provider die knappe Bandbreite fast nur für Downloads einsetzen. Selbst über die teuren Edge- und die seltenen 3G-Verbindungen stellen wir das fest. Deshalb bleibt unser Blog vorläufig textlastig; die Bilder folgen später.

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16. März: Safari in Ranthambhore

Bei der Vorstellung, dass wir auf Safari gehen, habe ich ja viele Bilder. Menschen in sandfarbenen Kleidern mit weissen Socken und Sandalen, Sackmesser, Feldstecher und dann hoffentlich Tiere, Landschaften und dazu ein offener Jeep. Ich nehm’s gleich vorweg: genau so war es auch. Hier in Indien kommt aber auch immer gleich noch die Frage “have you seen tiger”?

Wir haben leider nicht, aber der Reihe nach: der Ranthambhore Nationalpark ist bekannt dafür, dass man hier wirklich noch Tiger sehen kann. Der Bestand ist aber leider von etwa 50 innert wenigen Jahren auf etwa 30 gefallen. Die Parkhüter haben aber schon ihre liebe Mühe, die Schafhirten davon abzuhalten, im Park ihre Tiere weiden zu lassen. Wie sollen sie dann Tiger beschützen?

Landschaftlich haben wir auf der morgendlichen Safari vor allem verschiedene Laubwälder gesehen, am Nachmittag war es dann eine wunderschöne und märchenhafte Steppenlandschaft. Wir haben viele Black Face Monkeys, spotted Deer und Sambar Deer gesehen. Diese Tiere haben die Ruhe weg und lassen sich vom lauten Gerumpel unseres Canters (grosser und oben offener Wagen, sehr einfach und rumplig) und den fotografierenden Touristen sicher nicht stören.

Plötzlich ist unter den Guides grosse Hektik aufgekommen und alle haben sich zugerufen, dass offenbar beim einen See ein Tiger sein muss. Die Deers haben den Alarmruf ausgestossen!!! Und dann ging die Post ab. Die sind mit uns in halsbrecherischem Tempo über Pisten, Waldwege und ausgetrocknete Flussbette gedonnert und haben dauernd geschrien “hold on tight”. Haha, mit Kamera und Feldstecher in der Hand, chasch dänn! Ausserdem haben alle so viel Krach gemacht, dass wenn ich Tiger wäre, ich längst ein schattiges Versteck gesucht und darauf gewartet hätte, bis alle wieder weg sind. Und dann genüsslich meinen Hirsch verspiesen!

Herr Tiger hats genau so gemacht, und wir sind dann mit grosser Verspätung aber gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluss mit unserem Canter beim Checkpoint angekommen. Ohne Tigererfahrung, aber mit vielen blauen Flecken, schönen Erfahrungen und etwas Jagdfieber sind wir dann wohlbehalten wieder in der Lodge angekommen. More to follow…

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